Das größte Problem ist die Hauptwortsucht
Veröffentlicht im Oktober 2026
Seit Jahrhunderten versucht die Verwaltung, verständlicher zu schreiben. Und seit Jahrhunderten verwandelt sie Verben zuverlässig wieder in Hauptwörter.
# Das größte Problem ist die Hauptwortsucht
Oder: Wie aus "wir prüfen" irgendwann "die Durchführung einer Prüfung" wurde.
Es gibt Wörter, die im normalen Leben ein eher zurückgezogenes Dasein führen.
Durchführung.
Übermittlung.
Inkenntnissetzung.
Zurverfügungstellung.
Dann betreten sie ein Amtsgebäude und vermehren sich.
Plötzlich wird nichts mehr geprüft. Es erfolgt eine Prüfung.
Niemand schickt Unterlagen. Es kommt zur Übermittlung der erforderlichen Dokumente.
Und niemand sagt Ihnen etwas. Ihre Inkenntnissetzung wird vorgenommen.
Willkommen in der Hauptwortsucht.
Das Problem ist älter als der Computer
Der Historiker Peter Becker hat der Sache sogar einen Aufsatz gewidmet. Sein Titel ist bemerkenswert direkt:
"Das größte Problem ist die Hauptwortsucht."
Becker untersucht Reformversuche der Verwaltungssprache von 1750 bis 2000. Besonders schön daran ist nicht nur die enorme Zeitspanne, sondern sein Befund: Die grundlegenden Beschwerden über bürokratische Sprache bleiben erstaunlich stabil.
Ende des 18. Jahrhunderts wollte man verständlicher schreiben.
Um 1900 wollte man verständlicher schreiben.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wollte man verständlicher schreiben.
Heute wollen wir verständlicher schreiben.
An mangelnder Ausdauer liegt es also nicht.
Was Hauptwörter so praktisch macht
Der sogenannte Nominalstil ist nicht entstanden, weil Generationen von Beamten heimlich beschlossen hätten, Bürger zu quälen.
Hauptwörter haben für Verwaltung einige sehr praktische Eigenschaften.
Sie wirken sachlich.
Sie lassen sich leicht in standardisierte Textbausteine einsetzen.
Sie können Handlungen beschreiben, ohne besonders deutlich zu sagen, wer eigentlich handelt.
Und genau das ist der interessante Teil.
Vergleichen Sie:
"Wir prüfen Ihren Antrag."
mit:
"Die Prüfung Ihres Antrags erfolgt nach Einlangen der Unterlagen."
Im ersten Satz gibt es Menschen. Wir tun etwas.
Im zweiten gibt es einen Vorgang.
Die Prüfung geschieht beinahe wie Wetter.
Wo ist eigentlich der Mensch geblieben?
Das ist nicht nur eine Stilfrage.
Verben erzählen, dass jemand etwas tut.
Hauptwörter können Handlungen in Dinge verwandeln.
Aus entscheiden wird eine Entscheidung.
Aus ablehnen wird eine Ablehnung.
Aus prüfen wird eine Prüfung.
Das kann sinnvoll sein. Niemand muss jedes Hauptwort ausrotten.
Aber wenn ein Satz fast nur noch aus Vorgängen besteht, verschwindet leicht, wer was von wem will.
Und dann sitzt auf der anderen Seite ein Mensch mit einem Brief und denkt:
Gut. Aber was soll ich jetzt machen?
Die Ironie ist historisch ziemlich hübsch
Schon im 18. Jahrhundert gehörten Klarheit, Eindeutigkeit und Kürze zu den Anforderungen an gute Verwaltungssprache.
Peter Beckers Untersuchung zeigt, dass spätere Reformbewegungen immer wieder ähnliche Probleme identifizierten.
Der Ton ändert sich.
Die Technik ändert sich.
Die Schreibmaschine kommt, verschwindet wieder und wird durch Computer ersetzt.
Die Hauptwortsucht sitzt derweil offenbar gemütlich im Büro und wartet ab.
Nicht kompliziert genug? Dann kommt das Passiv dazu
Besonders wirkungsvoll wird Nominalstil in Kombination mit unpersönlichen Formulierungen.
"Wir müssen Ihren Antrag ablehnen."
ist unangenehm, aber verständlich.
"Eine positive Erledigung des gegenständlichen Anbringens kann nicht in Aussicht gestellt werden."
hat dagegen fast etwas Magisches.
Es wurde niemand abgelehnt.
Niemand hat abgelehnt.
Eine positive Erledigung hat sich lediglich entschlossen, nicht in Aussicht zu stehen.
Verantwortung kann sprachlich erstaunlich beweglich sein.
Die Stadt Wien versucht inzwischen das Gegenteil
Heute gibt es längst Gegenbewegungen.
Die Stadt Wien verlangt in ihren Richtlinien für leicht verständliche Sprache ausdrücklich, auf Amtsdeutsch zu verzichten. Texte sollen sich an den Menschen orientieren, die sie lesen, und möglichst beim ersten Durchlesen verstanden werden.
Das klingt selbstverständlich.
Ist es aber offenbar nicht, sonst bräuchte man die Richtlinie nicht.
Hauptwörter sind nicht böse
Das hier ist kein Kreuzzug gegen Substantive.
Manche Dinge heißen nun einmal Antrag, Frist oder Entscheidung.
Und fachliche Sprache braucht Fachbegriffe.
Das Problem beginnt dort, wo Sprache nicht mehr präziser, sondern nur noch schwerer wird.
Ein Text ist nicht professioneller, weil mehr Wörter auf -ung enden.
Manchmal ist:
"Bitte schicken Sie uns das Formular."
tatsächlich die ausgereifteste Form behördlicher Kommunikation.
Keine Durchführung.
Keine Übermittlungshandlung.
Kein Vollzug einer Zurverfügungstellung.
Nur ein Formular.
Fast revolutionär.
Quellen
- Peter Becker, Universität Wien: "Das größte Problem ist die Hauptwortsucht. Zur Geschichte der Verwaltungssprache und ihrer Reformen, 1750–2000" — https://ucrisportal.univie.ac.at/de/publications/das-gr%C3%B6%C3%9Fte-problem-ist-die-hauptwortsucht-zur-geschichte-der-verw/
- Stadt Wien: Leitfaden Leicht verständliche Sprache — https://www.wien.gv.at/kontakt/leicht-verstaendliche-sprache-magistrat
